Chorleitersorgen einst und jetzt

von Günter Zachmeier

    Die Originalakten des Bürger-Sänger-Vereins aus den Jahren 1845 bis 1883 und die Denkschrift zum 50-jährigen Bestehen des Kemptener Liederkranzes von 1879, die sich durch einen glücklichen Umstand noch in unserem Besitz befinden, geben anschauliche Einblicke in das Vereinsleben und die Arbeit der Chorleiter.

Circular

    Das nebenstehende Circular (Rundschreiben) vom 1. Dezember 1845, das Musikdirektor Anton Wendlinger an seine 14 Sänger schickte, lautet: "Auf den regen Eifer der verehrlichen Herren Sänger rechnend, erlaubt sich der Unterzeichnete darauf aufmerksam zu machen, daß morgen abend im gewöhnlichen Lokale wieder eine Gesangübung stattfindet. Es sollten wieder neue Gesänge einstudiert werden, weswegen die Herren Sänger ersucht werden, ihre allenfalls noch in Händen habende Liederbücher, des Einschreibens der neuen Lieder wegen, dem Unterzeichneten zu schicken, und morgen recht zahlreich zu erscheinen." Der Arme! Er konnte von den Möglichkeiten heutiger Kopiertechnik nur träumen!

    Andere Chorleiterprobleme sind zeitlos. So schreibt Wendlinger im ältesten erhaltenen Circular vom 18. Oktober 1845: "Es erschienen bei der am vergangenen Montag abgehaltenen Gesang-Übung die Herren Sänger nicht sehr zahlreich, namentlich sah man sich vergebens nach den Herren 2. Bassisten um." Die Zahl der Sänger wird durch Austritte dezimiert. Nur ein Beispiel für die vorgebrachten Begründungen: "Da ich wegen eines nicht unbedeutenden mißlichen Vorfalls in jüngster Zeit einsehe, nicht lange Zeit in dieser Gesellschaft verbleiben zu können; und die von seite des Herrn Musikdirektors gemachten Mühen an mir fruchtlos bleiben, so erkläre ich demnach sogleich meinen Austritt, und mache meinen verbindlichsten Dank..."
    Schließlich wird der Chorleiter in einem Circular vom 16. Oktober 1848 massiv: "Es ist anerkannt, daß eine Sängergesellschaft nie und nimmer bestehen kann, wenn die Sänger die Proben nicht besuchen wollen. Was unter solchen Verhätnissen bei einer Produktion 12 fleißige Sänger gut machen, das verderben 6 andere wieder, wenn sie die Übungen nicht mitgemacht haben und der Unterfertigte gesteht hiermit offen unter solchen Umständen nicht länger Musikdirektor bleiben zu wollen." Die "Plenarversammlung" am nächsten Tag beschließt strenge Richtlinien für die Probenteilnahme und so blieb der gute Mann Chorleiter bis zu seinem Tod vier Jahre später.