Orchesterverein und Sängerbund Kempten

Mary Ellen Kitchens, Dokumentarin im Schallarchiv des Bayerischen Rundfunks
und Dirigentin beim Orchesterverein Kempten schreibt über das Programm:

OPERN GALA 2000
am Samstag, den 1. April 2000, um 20 Uhr im Stadttheater in Kempten,

    präsentiert einen bunten Querschnitt der italienischen und deutschen Operntradition im 19. Jahrhundert. Das Programm führt durch die Lieblingsexotismen dieser Zeit: von Verdis Darstellung einer alttestamentarischen Episode in "Nabucco" bis zu Marschners Schilderung der Details eines Vampyrlebens im Schottland des 17. Jahrhunderts. Die Ouvertüre zu "Tancredi" (1813), derjenigen Oper, durch die der erst 21- jährige Rossini berühmt wurde, eröffnet unsere Gala und ist das früheste Werk dieses Programms. Rossini war sich übrigens nicht so sicher, ob sein "Tancredi" gut oder schlecht ausgehen sollte. So wurde die Oper bei der Uraufführung in Venedig mit Happy End gespielt, während die Wiederaufnahme in Ferrara tragisch endete. Die mit aller Heiterkeit versehene Ouvertüre mit ihren Holzbläser-Arabesken läßt eher die erste Version erwarten. Für seine " Cavalleria rusticana" wählte Pietro Mascagni als einziger der hier vertretenen Komponisten ein Libretto, das in seiner Zeit spielt. Es gibt ein Eifersuchts- und Mordrama um 1890 in Sizilien wieder. Vor der Bluttat hebt der Komponist die Spannung mit einer besonders lieblichen musikalischen Darstellung des sizilianischen Ostertages, in der das beseelte Unisonospiel der Streicher die zentrale Rolle spielt. Das "Intermezzo sinfonico" ist der am spätesten entstandene Beitrag des heutigen Abends.

    Die erste Hälfte unseres Programms ist vor allem ein Streifzug durch das Werk Giuseppe Verdis (1813-1901). Der Norditaliener, der am Mailänder Musikkonservatorium gar keinen Studienplatz bekam, hat mit seiner dritten Oper "Nabucco" (Mailand, 1842) einen großen Erfolg gefeiert. Die Vehemenz seines musikalischen Ausdrucks, gekoppelt mit den verdeckten, politischen Inhalten seiner Libretti, hat ihn zum Liebling des italienischen Volkes gemacht. Viele in der politisch gespaltenen, italienischen Gesellschaft dieser Zeit haben sich mit den Verfolgten in seinen Dramen identifiziert, so z.B. mit den gefangenen Hebräern in "Nabucco". Die beiden Solo-Arien, die heute gesungen werden, verdeutlichen Verdis spezielle Stärke, Charaktere und Stimmungen musikalisch einzufangen. Zum einem schildert er die keimende Liebe einer jungen Frau (Arie der Gilda aus "Rigoletto" - Venedig, 1851) und zum anderen die Verzweiflung eines alternden Herrschers, der in der Liebe enttäuscht wurde (Arie des Philipp aus "Don Carlos" - Paris, 1867). Philipps schwermütiges Herz wird in der Orchesterbegleitung von gedämpften Streichern und mysteriösen Oboenrufen versinnbildlicht, sein Gram bettet sich auf die besänftigende Solo-Cellostimme. Gildas Instrument ist hingegen eindeutig die Flöte. Die Holzbläser umranken dolcissimo ihren heiteren Gesang. In der stimmungsvollen Klosterszene am Ende des zweiten Aktes von "La forza del destino" (Mailand, 1862) wird die von Schicksalsschlägen gebeutelte Leonore von den Mönchen aufgenommen. Von der Harfe begleitet bildet der gemeinsame Gebetsgesang ein ruhiges Moment in der sonst so dramatischen Handlung dieser Oper. Im musikalisch heiteren Rataplan-Chors aus Donizettis "La fille du régiment" (Paris, 1840) verherrlichen die Soldaten, begleitet von Blechbläsern und Trommeln, ihr Metier. Die Tragik eines Verdis ist verschwunden: der Anführer dieses Tiroler Regiments wird am Schluss mit Erfolg um die Hand seiner geliebten Marie geworben haben.

    Die zweite Programmhälfte, geprägt durch die Operntradition im deutschsprachigen Raum zwischen 1821 und 1843, beginnt mit den heftig-hurtigen Klängen der Ouvertüre zum "Vampyr" (1828) von Heinrich Marschner. Einer musikalischen Schilderung des Dämonischen wird hier eine von Solo- Klarinette und -Horn vorgetragene Melodie "zum Nachsingen" sehr effektvoll gegenübergestellt. Es folgen nun, in der Reihenfolge ihrer Entstehung, drei berühmte Männerchöre. Die Chorsänger erscheinen hier in drei ihrer klassischen Rollen, nämlich als Jäger, Soldaten und Matrosen. Webers Jägerchor ("Der Freischütz" , 1821) wird eingeleitet von einem das Jagdgeschehen andeutenden Hornquartett. Später, in einer Art Refrain, ahmt der Chor selbst dieses Instrument nach. Sanfter Soldatengesang klingt anschließend in einer Abendmusik aus Kreutzers "Nachtlager in Granada" an. Nachdem Richard Wagner 1839 einem Schiffbruch nur knapp entgangen ist, erfährt er in Norwegen von der Legende des "fliegenden Holländers" und verarbeitet dieses Thema in seiner gleichnamigen Oper, die 1843 in Dresden erfolgreich uraufgeführt wird. Im Chor der Norwegischen Matrosen werden die Freuden des Seemannsleben besungen, vom vollen Orchester malerisch begleitet. 1823 in Wien entstanden ist "Rosamunde von Cypern" das Produkt einer Zusammenarbeit von Franz Schubert und der Autorin Helmina von Chésy. Nach nur zwei Aufführungen wurde es allerdings vom Theaterprogramm wieder abgesetzt. Überlebt hat nur die feine Schubertsche Lyrik der Zwischenspiele mit ihrem zarten Wechselgesang zwischen den Holzbläsern und den Streichinstrumenten. 14 Jahre später wird Lortzings "Zar und Zimmermann" in Leipzig uraufgeführt. Aus diesem Verwechslungsdrama sind gleich zwei Ausschnitte zu hören: das Brautlied der nicht gerade emanzipierten Marie (Refrain: Alle Mädchen, trotz der Klagen, müssen solche Fesseln tragen) und die "Chorprobe" , in der der Bürgermeister von Saardam (van Bett) versucht, den Dorfleuten ein Loblied auf den zu Besuch kommenden russischen Zar beizubringen.

ã Mary Ellen Kitchens 2000