Orchesterverein und Sängerbund Kempten

OPERN GALA 2000
am Samstag, den 1. April 2000, um 20 Uhr im Stadttheater in Kempten

Johannes Hitzelberger, Füssen, Sprecher beim Bayerischen Rundfunk,
übernahm die Moderation


Gioacchino Rossini: Ouvertüre zu "Tancredi"

1. Auftritt:

Einen schönen guten Abend und herzlich willkommen zur Opern-Gala 2000 des Orchestervereins und des Sängerbundes Kempten. Mit dabei sind auch die Sängerfreunde von der Chorgemeinschaft St. Mang und dem Liederkranz Wiggensbach. Die musikalische Leitung an diesem Abend teilen sich Mary Ellen Kitchens und Wolfgang Schelbert. Die Solisten des heutigen Konzerts sind die Sopranistin Barbara Sailer aus Kempten und der Bassist Marek Gasztecki, der bereit war, für den erkrankten Robert Merwald die Soloparts kurzfristig zu übernehmen. Herzlichen Dank.
An dieser Stelle sei auch gleich ein herzliches Dankeschön ausgesprochen an einen Herrn, ohne dessen unermüdlichen Einsatz diese Gala nicht zustandegekommen wäre: Vergelt’s Gott Heinz Wagner vom Sängerbund Kempten.
Eröffnet hat der Orchesterverein Kempten unser Programm mit der Ouvertüre zu Gioacchino Rossinis Melodramma eroico "Tancredi". Dem Libretto liegt Voltaires Tagrödie "Tancrède" über eine Episode aus Torquato Tassos "Gerusalemme liberata" zugrunde. Die Handlung spielt in Sizilien zur Zeit der Kreuzzüge. In tragischer Verstrickung sind Tankred und die anderen Personen zwischen Liebe und Staatsraison hin und her gerissen. Aber am Schluß wendet sich alles zum Guten: Die Feinde werden besiegt, die Liebenden erkennen und verzeihen einander. Happy End. Voltaires Tragödie freilich entspricht der tragische Schluß, wie er für die Wiederaufnahme in Ferrara geschaffen wurde. Einerlei: Der französische Romancier und erste Rossini-Biograph Stendhal jedenfalls schwärmte von diesem Werk so oder so in den höchsten Tönen: "Was an der Musik von Tancredi so auffällt, ist ihre Jugendlichkeit. Alles ist so einfach und rein. Es gibt kein Übermaß; das ist Genie in all seiner Naivität."
Acht Monate nach der Uraufführung des Tancredi im Februar 1813, erblickt dann jener Mann das Licht der Welt, der später fünfzig Jahre lang - von den Frühwerken, die vielerorts schlagartig Rossini, Donizetti und Bellini verdrängten, bis zu den Spätwerken Otello und Falstaff - fast konkurrenzlos die Oper in Italien beherrscht. Und Giuseppe Verdi beherrscht auch hörbar den ersten Teil unserer Gala.
Für den "Bauern von Roncole", wie er sich selbst gerne nannte, gab es im Bereich des Theaters drei Vorbilder: natürlich Shakespeare, Schiller und Victor Hugo. Dessen Schauspiel "Le roi s’amuse" etwa und Verdis darauf basierende Oper Rigoletto stimmen in ihrer szenischen Erscheinungsform fast überein. Uraufgeführt wurde der Rigoletto am selben Theater wie unser erstes Stück, am La Fenice in Venedig. Die Operngeschichte Italiens im 19. Jahrhundert ist weitgehend eine Geschichte der Zensur, der Bespitzelung der Kunst aus Angst vor der Kunst. Hugos Schauspiel wurde in Frankreich verboten, und auch der Rigoletto kam mit der Zensur in Konflikt. Die Andeutung, dass absolute Monarchen Libertins sein könnten – obwohl es die meisten ja waren – verstieß gegen die Staatsordnung. Aber Verdi hat über die österreichische Zensur in Venedig gesiegt.
In der Oper haben letztlich der Fluch aber auch die Liebe gesiegt. Bekennt Gilda ihrem Vater doch im Tod: Ich habe ihn zu sehr geliebt. Obwohl ihr der Vater die Augen geöffnet hat, welches Spiel der Herzog mit ihr treibt. Im Ausschnitt, den wir gleich hören werden, hat sie von all dem Bösen noch nichts geahnt, sie singt in seliger Schwärmerei von ihrer ersten keuschen Liebe, vom teuren Namen, der ihr Herz zum ersten Mal erbeben ließ. Die Arie der Gilda "Gualtier Maldé ... Caro nome" mit der Sopranistin Barbara Sailer.
Vorher begeben wir uns aber noch in allerhöchste Adelskreise, an den spanischen Königshof. Auch hier spielt sich eine Familientragödie ab. Ein Vater-Sohn-Konflikt, das Liebesleid des Sohnes und der Stiefmutter, eine Heirat ohne Liebe aus Gründen der Staatsraison, das völlig liebesleere Dasein eines Herrschers, und natürlich große Politik. Diese Schlagworte mögen das Drama um Philipp II. von Spanien, den Infanten Don Carlos und Elisabeth, die Gattin des Königs kurz umreissen. Die musikalische Umsetzung des Schillerschen Dramas hat Verdi viele Jahre in Anspruch genommen, und so existieren ja auch mehrere Fassungen des "Don Carlo". Menschliche Verlassenheit, Einsamkeit des Herzens, seelisches Alleinsein, die Erkenntnis, von der Frau nie geliebt worden zu sein, die Angst von Verrätern umgeben zu sein, das alles bringt Philipp nach einer durchwachten Nacht im "Ella giammai m’amo" zum Ausdruck. Es singt Marek Gasztecki.

Giuseppe Verdi: Arie des Philipp aus "Don Carlos"
Giuseppe Verdi: Arie der Gilda aus "Rigoletto"
Pietro Mascagni: Intermezzo aus "Cavalleria rusticana"

2. Auftritt:

"Es ist einfach unvorstellbar, was sich an diesem Abend zutrug: Das Publikum geriet außer Rand und Band. Sie schrieen, sie schwenkten ihre Taschentücher, in den Gängen fielen sich die Leute in die Arme: Wir haben einen Komponisten! Es lebe der neue Komponist Italiens!" Die Erinnerung einer Mitwirkenden an den Premierenabend der "Cavalleria rusticana" von Pietro Mascagni, dem Begründer und Hauptvertreter des musikalischen Verismo. Die Aufführung im Jahre 1890 wurde in der Tat zu einem Sensationserfolg. Es gab sechzig Vorhänge! Mal sehen, wie sehr unser Publikum am Ende der heutigen Gala dem römischen Premierenpublikum nacheifert. Die Handlung dieses sizilianischen Eifersuchtsdramas ist auf wenige Stunden am Ostersonntag konzentriert, die zwei Szenen sind durch das Intermezzo sinfonico, das wir eben hörten, zu einem Akt verbunden. Im Anschluß an das Zwischenspiel versammeln sich die Dorfbewohner zum fröhlichen Umtrunk in der Weinschänke.
Von Sizilien in die Gebirgswelt der Alpen: da versammeln sich nun Soldaten und besingen den hinreißenden Klang der Trommel, die sie zum Regiment ruft. Ein englischer Kritiker des 19. Jahrhunderts schrieb überschwenglich über die Regimentstochter von Gaetano Donizetti: "Die Musik ist von einer sorglosen Fröhlichkeit, die an Ausgelassenheit grenzt, von einer echt militärischen, aber nie ordinären Freimütigkeit. Die Musik ist leichtgewichtig, sie ist schnell vertraut, sie ist eingängig, sie ist alles, was die Pedanten gerne verurteilen." Wir werden es gleich hören.
Danach halten wir es gänzlich unmartialisch und besuchen das spanische Franziskanerkloster "Heilige Jungfrau von den Engeln". Eine feierliche Szene der zeitlich und geographisch unendlich weit gespannten Handlung von Giuseppe Verdis "Macht des Schicksals": Leonora hofft, in einer Felsengrotte in der Nähe des Klosters nach der Verfluchung durch den Vater ihren Frieden zu finden und ihre Schuld zu sühnen. Mit den Worten "La Vergine degli Angeli" wird sie von den Mönchen in die Einsiedelei entlassen.
Anschließend lassen wir uns sozusagen auf goldenen Flügeln, sull’ali dorate, in die Pause tragen. Nach dem Fiasko seiner komischen Oper "Un giorno di regno" und besonders vor dem Hintergrund einer Familientragödie – Verdi verlor in kurzer Zeit seine beiden Kinder und seine Frau – sah sich der Komponist als Künstler und Mensch gescheitert. Der Hartnäckigkeit des Impresarios ist es zu danken, dass Verdi, zunächst zögernd, die Arbeit an Nabucco aufnahm. Für ihn, wie für das zeitgenössische Italien gewannen die Worte "Va pensiero" tiefe und unmittelbare Bedeutung. Das Publikum sah bekanntlich in diesem Chor seine Sehnsucht nach nationaler Einheit vollendet ausgedrückt. Der Va-pensiero-Chor wurde zur heimlichen Nationalhymne für ein freies Italien. Und als Giuseppe Verdi 1901 starb, da erklang bei der Trauerfeier jener Va-pensiero-Chor unter der Leitung von Arturo Toscanini. Bei der Uraufführung des Nabucco saß übrigens auch Gaetano Donizetti im Publikum. "Das ist Genie" hörte man ihn vor sich hinsagen. Bevor aber die Hebräer an den Ufern des Euphrat ihr Schicksal beklagen und ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Heimat Ausdruck geben, lassen wir also endlich Donizettis 21. Regiment zusammentrommeln. In unserer Fassung nicht auf französisch, sondern auf italienisch. Rataplan!


Gaetano Donizetti: Rataplan-Chor der Soldaten aus "Die Regimentstochter"
Giuseppe Verdi: Arie der Eleonora mit Chor der Mönche aus "Die Macht des Schicksals"
Giuseppe Verdi: Chor der gefangenen Hebräer aus "Nabucco"

Konzertpause

Heinrich Marschner: Ouvertüre zu "Der Vampyr"

3. Auftritt:

Mit der Ouvertüre zur Romantischen Oper "Der Vampyr" von Heinrich Marschner haben wir den zweiten Teil unserer Gala eröffnet und sind in der Sagenwelt gelandet, von der sich die Meister der romantischen Oper ja immer wieder gerne inspirieren ließen. Marschners dramatische Begabung wird allgemein darin gesehen, Charaktere dämonischen Wesens, geister- und gespensterhafte Situationen auf die Bühne zu bringen, gepaart mit gesunder mitunter auch derber Volkstümlichkeit. Im "Vampyr" muß ein verfluchter schottischer Lord, drei junge Mädchen töten, um vom Herrrn der Unterwelt nochmals eine Verlängerung seiner Erdenfrist zu erlangen.
So wie in Webers Freischütz Kaspar für den Teufel immer wieder Seelen ins Verderben stürzen muß. Eine Hauptrolle spielt der deutsche Wald, der im Freischütz seine Verklärung findet. Er ist Heimstätte inneren Friedens, Ort der Besinnung und Besinnlichkeit, der ungestörten Träume, der edlen Empfindungen, aber er ist auch Tummelplatz der Dämonen, des Spuks, des nächtlichen Gespenstertreibens. Und es ist freilich der Ort der Jagd, wie wir gleich hören werden.
Pastorale, idyllische Atmosphäre mit Hirten und Jägern prägt auch den Schluß des ersten Aktes von Konradin Kreutzers romantischer Oper "Das Nachtlager von Granada"; die meisten kennen wohl daraus, wenn überhaupt, nur die Arie des Jägers, des inkognito reisenden Prinzregenten "Ein Schütz bin ich", oder den Chor "Schon die Abendglocken klangen". Aus dem fernen Dorf erklingt das Abendgeläute, und alle sinken in die Knie zum Gebet.
Im Kontrast zu diesem sanften Gesang steht dann der Chor der norwegischen Matrosen aus dem "Fliegenden Holländer" von Richard Wagner. Wagners Quellen für die Oper sind u.a. Teile der Geschichten, die ihm Matrosen des alten Segelschiffes Thetis während der Überfahrt von Pillau nach London erzählten. In den Autobiographischen Skizzen erinnert s ich Wagner an die Seereise: "Diese Seefahrt wird mir unvergesslich bleiben; sie dauerte drei und eine halbe Woche und war reich an Unfällen. Dreimal litten wir von heftigstem Sturme, und einmal sah sich der Kapitän genötigt, in einem norwegischen Hafen einzulaufen. Die Durchfahrt durch die norwegischen Schären machte einen wunderbaren Eindruck auf meine Fantasie; die Sage vom fliegenden Holländer wie ich sie aus dem Munde der Matrosen bestätigt erhielt, gewann in mir eine bestimmte eigenthümliche Farbe, die ihr nur die von mir erlebten Seeabenteuer verleihen konnten." Wagners damalige Frau Minna hatte dafür wohl kaum einen Sinn: Ihr war einfach nur schlecht. Sie verlangte vor lauter Angst und Seekrankheit, dass Richard sich an ihr festbinden solle, damit sie wenigstens gemeinsam ertrinken würden. Bevor wir jetzt die ausgelassenen norwegischen Matrosen hören: für die Landratten der Ausflug in den weberschen Wald. In den fürstlichen Jagdzelten Ottokars sind vornehme Gäste versammelt und ein frischer Männerchor begrüßt den Fürsten und sein Gefolge, die zu Maxens Probeschuß gekommen sind. Joho tralala!



Carl Maria v. Weber: Chor der Jäger aus "Der Freischütz"
Konradin Kreutzer: Soldatenchor aus "Das Nachtlager in Granada"
Richard Wagner: Chor der Norwegischen Matrosen aus "Der fliegende Holländer"

4. Auftritt:

Bisher hörten wir Ausschnitte aus Opern, die meist großen Erfolg hatten. Völlig glücklos hat sich Franz Schubert mit der Bühne beschäftigt. 1823 erhielt Franz Schubert vom k.k. privilegierten Theater an der Wien den Auftrag, zum romantischen Schauspiel "Rosamunde, Fürstin von Zypern" von der heute zu recht eher vergessenen Helmina von Chézy eine Bühnemusik zu schreiben. Im Gegensatz zum Schauspiel wurde Schuberts Musik wohlwollend bis begeistert aufgenommen. Und auch die Dichterin selbst hob die Qualitäten von Schuberts Musik hervor: "Ein majestätischer Strom, als süß verklärender Spiegel der Dichtung durch ihre Verschlingungen dahinwallend, großartig, rein, melodiös, innig und unnennbar rührend und tief, riß die Gewalt der Töne alle Gemüter hin. Ja selbst wenn ein antimelodiöser Parteigeist sich in die Masse der Zuhörer geschlichen, dieser Strom des Wohllauts hätte alles besiegt." Wir werden es gleich nachvollziehen können mit der Nummer 9 der Bühnenmusik, dem Ballett, Andantino.
Beschlossen wird der heutige Abend mit zwei Ausschnitten aus Albert Lortzings bekanntestem Werk, der komischen Oper "Zar und Zimmermann", in denen auch unsere Solisten noch einmal zum Einsatz kommen. Barbara Sailer Sopran und Marek Gasztecki, Bass. Über das Entstehen dieses Verwechslungsdramas ist wenig überliefert. Lortzings Frau meinte dazu einmal nur knapp in einem Brief an ihre Schwester: "Außer dem Komödienspielen komponiert er auch noch sehr fleißig." Die Grundlage der Handlung bildet die historisch belegte Reise Zar Peters des Großen nach Holland. Auch andere Komponisten hatten sich dieses Sujets schon bedient, etwa Grétry oder auch Donizetti. Lortzing selbst meinte zu seiner Komposition: "Ernsthaft: der Erfolg meiner Oper hat mich überrascht. Ich rechnete auf freundliche Nachsicht meiner Landsleute und infolge derer auf eine bescheidene freundliche Aufnahme; aber diesen brillanten Erfolg hätte ich mir nicht träumen lassen – ist mir übrigens angenehm. Meine Landsleute haben Geschmack." Viel Erfolg wünschen wir jetzt dann auch Marek Gasztecki alias Bürgermeister van Bett bei der Chorprobe mit seinem Kirchenchor, auf dass die Begrüßung des Zaren festlich gelinge. Ob sich in der Vorbereitung zum heutigen Abend vielleicht ähnliche Situationen ergaben, in denen Herr und Frau Chorleiter sich wie der Bürgermeister äußerten:
"Euer Singsang ist ein Graus. Statt sich daran zu ergötzen, reißt der Zar sich vor Entsetzen alle Haare einzeln aus." Oder gab es Stimmen im Chor, die gar meinten: "Besser wird es uns gelingen, wenn wir ganz alleine singen. Denn wenn Ihr dazwischen schreit, wird es nichts in Ewigkeit."
Weniger forsch und emanzipiert tritt da die Nichte des Bürgermeisters auf. Welches Männerherz ist da nicht geschmeichelt, wenn die Geliebte bekennt: "Lieblich röten sich die Wangen einer Jungfrau hold und schön, ihre Brust schwellt süßes Bangen, sieht ihr Aug’ den Jüngling steh’n." Das Brautlied der Marie singt Barbara Sailer.


Franz Schubert: Zwischenaktmusik aus "Rosamunde"
Alber Lortzing: Brautlied der Marie mit Chor aus "Zar und Zimmermann"
Albert Lortzing: Szene des van Bett mit Chor aus "Zar und Zimmermann"
Zugabe:
Giuseppe Verdi: Chor der gefangenen Hebräer aus "Nabucco"

ã Johannes Hitzelberger 2000